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Essaywettbewerb “Philolympics 09″ Mein Beitrag
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Folgendes Essay schrieb ich für die Philolympics, einem österreichweiten Wettbewerb für SchülerInnen. Es bezieht sich auf das voranstehende Zitat:
“Die Frage, was wir aus unserem Leben machen sollten, ist nämlich nicht damit gelöst, dass man uns mit Tätigkeitsdrang in die Welt hinausjagt und uns nicht zur Besinnung kommen läßt.” - Albert Schweitzer
Zuallererst muss gefragt werden, von wem der Tätigkeitsdrang auferlegt wird: Objektiv gesehen kommen hierfür nur ein göttliches Wesen oder eine menschliche Macht mit entsprechenden Fähigkeiten und Interessen in Frage. Da in Schweitzers theologischen Schriften ein christlicher Glaube eindeutig erkennbar ist, wird eine Gottheit nicht in Frage kommen – denn sonst lässt sich die Überwindungsmöglichkeit der jetzigen Besinnungslosigkeit nicht erklären, die Chance dazu schwingt ja im Unterton des Zitats mit. Diesen Drang als natürliches menschliches Attribut anzusehen, würde zwar das Passiv im Zitat erklären, allerdings würde es dann keine Aufhebung dieses Zustands, keine Besinnung geben – denn sie wäre im Menschen von Geburt an verankert und nicht aufhebbar. Wenn hinter der Problematik aber kein allmächtiges Wesen steht, müssen wir uns etwas der Wortklauberei hingeben.
Da „Drang“ triebhaften Charakter besitzt, kann dieser nicht von Menschen anderen Menschen verordnet werden. Wie in den vorhergehenden Zeilen schon angemerkt, tut sich in dem vorliegenden Zitat ein Widerspruch auf, der nur in einem persönlichen Gespräch mit Schweitzer zu lösen wäre (mittlerweile ein etwas schwierigeres Unterfangen): Am sinnvollsten wird es wohl sein, hier von einem „Tätigkeitszwang“ zu sprechen. Trotzdem ist damit nicht die Frage geklärt, wer uns Menschen zu den erwähnten Tätigkeiten zwingt. Größere Gruppen von Menschen zu Tätigkeiten zu zwingen kann heute nur Eliten nutzen, in einer Gesellschaft in der alles auf den eigentlichen Nutzen hinausläuft also auch nur von ihnen durchgeführt werden - wir sprechen hier nicht vom „zwingen“ im Sinne sklavischer Arbeit, sondern von unterschwellig verordneter Tätigkeit, die eigentlich nicht den Interessen der Ausführenden entspricht.
Die in diesem Zitat erwähnte Frage erinnert an die Sinnfrage des Lebens, zumal das Wort Besinnung auch das Wort Sinn inkludiert. Diese wird zwar wirklich nicht damit beantwortet, dass die Menschen mit einer ziellosen Tätigkeitsorgie durch das Leben zu jagen, aber sie ist in gewisser Weise in diesem Kontext nicht mehr relevant: Das Beantworten von philosophischen Fragen wie dieser erfordert Zeit und in weiterer Folge Zugang zu Wissen. Beides wird von Eliten auch beansprucht oder einfach genommen, von ihnen aber für den Rest der Menschheit als zu luxuriös oder besser verhindernswert angesehen. Und gerade Zeit ist schnell gestohlen. Dies soll keine seichte Kritik des derzeitigen Systems darstellen, dennoch wird niemand verneinen, dass wir heute in einer Welt leben, die von Eliten gelenkt und bestimmt wird. Im besten Fall könnte von multiplen Eliten gesprochen werden, die sich gegenseitig zumindest beschränken – sie existieren aber trotzdem. Wenn allerdings von gewissen Gruppen Interesse an dieser Tätigkeitsausführung besteht, und sei es ein noch so kleiner Kreis, werden diese auch zu verhindern versuchen, dass die Ausführenden über die eigentlichen Ursprünge ihrer Handlungen nachdenken.
Somit ist die Frage, was wir aus unserem Leben machen sollten zwar nicht gelöst, aber beantwortet. Oder beantwortet worden. Beantwortet worden durch einen Tätigkeitszwang, welcher uns von dem geistigen Schutzschild der existierenden Machtordnung, den Religionen und Ideologien, als Drang verkauft wird. Einem Drang kann schwer widerstanden werden, er kommt aus dem Individuum und wird meist gerne befriedigt. Obwohl Drang und Zwang zwei prinzipiell nicht unähnliche Faktoren darstellen, denn ihre Erfüllung ist niemals ganz freiwillig, sind die Nutznießenden im ersten Fall die handelnden Menschen selbst im zweiten jedoch nicht (von geistigen Abnormitäten einmal abgesehen). Hier scheint eine Raffinesse in dem Zitat auf, die Schweitzer an dieser Stelle ungerechtfertigterweise weder angerechnet noch angekreidet werden soll. Durch die Benutzung der Phrase Drang schafft er allerdings einige Widersprüche in Hinsicht auf seine Weltsicht aus der Welt. Dafür tut sich im Zitat ein Widerspruch auf, nämlich der des verordneten Drangs.
Doch um nicht länger auf einzelnen Wörtern herum zu hacken und Schweitzers eigentlich kluge Kritik eher links liegen zu lassen, nur um sie dadurch zu bestätigen, besinnen wir uns doch auf die Botschaft seiner Worte: Unabhängig von der Ursache des Tätigkeitszwangs oder -drangs ist der Umstand der allgemeinen Hektik in unserer Gesellschaft ein oft beklagter. Die oft zitierte Leistungsgesellschaft hat zwar für alle jene, die nicht mitspielen wollen, können und/oder dürfen auch einen Platz gefunden, allerdings einen weniger schmeichelhaften: seine Beschreibung beginnt mit Aussen- und endet mit -rolle. Allerdings stellt sich auch die Frage, welches Resultat die Besinnung von Einzelpersonen in einem System, welches nicht mehr in der heutigen Form existieren könnte, wenn sich alle besinnen würden, hätte.
Doch was könnte Schweitzer mit dem Zustand der Besinnung meinen? Nähern wir uns der Problematik mit den Augen Schweitzers: Dem Zitat nach ist die Besinnung die Beschreibung für die (zumindest temporäre) Situation in der sich die Menschheit befinden sollten, es aber nicht kann weil sie durch einen Drang, mit dem sie von einer nicht näher definierten Kraft ausgestattet wurde, daran gehindert wird. Hegt Schweitzer vielleicht doch religiöse Sehnsüchte? Die nicht-Einhaltung besinnlicher Auszeiten im christlichen Sinn hat zu seinen Lebzeiten in der westlichen Welt zwar nicht die Ausmaße von heute erreicht, jedoch lag im 20. Jahrhundert doch eine antiklerikale Aufbruchstimmung in der Luft. Doch wer stattet die Menschheit dann mit dem Tätigkeitsdrang aus? Vielleicht kommt für die Erklärung dieses Zitats doch eine Gottheit in Frage, zwar nicht eine im erschaffenden Sinne, sondern eher ein negativer und destruktiver Gott – im christlichen Denken „Teufel“ genannt. Diesen Gedankenstrang weiter zu folgen würde in eine religionsphilosophischen Kreisdebatte über die Existenz und Nichtexistenz diverser übernatürlicher Wesen enden, so wenden wir unsere Energie lieber für andere Aspekte dieses Zitats auf.
Denn andererseits ist die Möglichkeit der Tätigkeit nämlich auch die Grundlage für die Verwirklichung des Potentials, welches im Menschen steckt. Karl Marx meinte sogar, dass das gemeinsame Tätigsein – oder Arbeiten wie er es nannte – mehrerer Menschen erst die Bildung der menschlichen Gesellschaft zur Folge hatte. Denn wäre die im Zitat erwähnte Besinnung als Gegenteil von jeglicher Tätigkeit definiert, dann könnte man sie auch Apathie nennen.
An dieser Stelle soll Schweitzer natürlich nicht der Wunsch nach starr gerade ausblickenden Menschen, die sich weder um sich selbst noch um andere kümmern, vorgeworfen werden, daher würde dieser Denkansatz weitreichende Konsequenzen im Bezug auf das Zitat zu Folge haben: Wenn der Tätigkeitsdrang als triebhafte Abwicklung von Tätigkeiten interpretiert wird, ist er notwendige Konsequenz des menschlichen Daseins. Das Tätigsein an sich ist somit nicht nur die Befriedigung eines grundsätzlichen Triebes, sondern auch die Möglichkeit zur Befriedigung aller anderer Triebe sowie zur Erfüllung jeglicher menschlicher Bedürfnisse – abgesehen von der Rohstoffsituation natürlich.
Tätigkeit ist die Veränderung der Umwelt durch Lebewesen, meist mit der Intention, dass sie danach besser für ihre Zwecke beschaffen ist. Erst durch die Motivation zur Tätigkeit, die im Menschen triebhaft als Drang verankert ist, hat er die Möglichkeit seine materielle und soziale Umwelt zu gestalten, allerdings mit der Konsequenz, dass er dies auch andauernd muss. Ein Mensch ohne Tätigkeitsdrang müsste zu jeglicher Aktion, aber auch Reaktion, gezwungen werden. Die totale Besinnung von dem so definierten Tätigkeitsdrang würde somit die Abkehr vom Menschlichen an sich bedeuten. Der Mensch könnte weder sich selbst eine materielle Lebensgrundlage schaffen, noch soziale Beziehungen aufstellen, geschweige den komplexere Gesellschaften erhalten. Wahrscheinlich ist nicht einmal die Existenz von Menschen in urzeitlicher Übergangsform vom Tier ohne diesem Drang möglich. Ausserdem ist er nicht nur Garant für die Ausführung von Tätigkeiten, sondern auch dafür, dass die Menschen Arbeiten gerne verrichten – wenn sie ihren Interessen entsprechen.
Der Tätigkeitsdrang an sich ist daher nicht negatives oder wird nur von einigen reaktionären Interessen, welche sich gewisse Stadien der andauernden menschlichen Entwicklung als permanente Situation wünschen, als negativ angesehen. Der Drang zur Veränderung zu jeder Zeit an jedem Ort war somit Ursprung und ist zugleich Motor der permanenten menschlichen Entwicklung.
Jegliche Kanalisierungsversuche dieses Dranges, welchen nicht gesellschaftlichen Interessen zugrunde liegen, sind somit langfristig zum Scheitern verurteilt, da sie dem Prinzip dieses Prozesses widersprechen. Allerdings soll nicht bestritten werden, dass Versuche von außen die menschliche Entwicklung auf ein Ziel hinzutreiben auf viele Menschen Faszination ausübt und dadurch auch weiterhin ein Phänomen des Lebens in Gesellschaften sein wird.
Oder gibt es überhaupt nicht sowohl den Tätigkeitsdrang als auch den Tätigkeitszwang, wobei zweiterer von den Eliten in ersteren verpackt wird, sodass die Masse an Menschen dieses Konglomerat als ein Paket hinnehmen und somit auch Arbeiten verrichten, die nicht ihren eigenen Interessen entsprechen aber trotzdem soviel Elan hineinstecken als ob? Dann geht es wohl nicht um die Besinnung, sondern um die Erkenntnis. Die Menschen müssen erkennen, welche ihrer Aktionen ihren eigenen Interessen entsprechen und welche Tätigkeiten ihren Interessen – Achtung Passiv - entsprochen wird.
Zum weiterschmökern:







Ein sehr schöner Text! Ich hoffe, du hast damit beim Wettbewerb Erfolg. Ihr habt offenbar einen spannenden Philosphie-Unterricht - oder ist das eh Deine Eigenintitiative?
Beim Tätigsein ist mit Hannah Arendt eingefallen, die ja vom Tätigsein spricht als etwas Grundlegendes zum Menschen gehöriges wie das Geborensein. Das Schweitzer-Zitat, würde ich meinen, ist primär nicht im religiösen Kontext zu verstehen, sondern als Ideologiekritik, wie sie auch von der (neomarxistischen) kritischen Theorie geübt wird - Stichwort “Dialektik der Aufklärung” - Das Projekt der Aufklärung, die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit sei grandios gescheitert; der in der Aufklärung entwickelte Rationalitätstyp zielt auf Naturbeherrschung und damit auf Herrschaft und Unterdrückung.
Die Theoretiker_innen der Frankfurter Schule waren/sind soweit ich weiss alle Atheist_innen, aber mit einer Ahnung, dass da etwas fehlt: “Man wird das Theologische abschaffen, damit verschwindet das, was wir Sinn nennen aus der Welt. Es wird Geschäfigkeit herrschen, aber sinnlose” sagt Max Horkheimer. Ich finde es spannend über deinen Text nun festzustellen, dass Albert Schweitzer auch schon in eine ähnliche Richtung gedacht hat, das passt ja auch zu seiner Biografie.
Großartig - wem ist das eingefallen??
ähm, mir. aber danke :-)